Wer drängt Sie eigentlich zu schnellen Antworten?
Ich erinnere mich an meine Zeit als Executive im DAX zurück: Ich sitze bei uns in der Geschäftsführungssitzung – und ertappe mich dabei, wie ich bereits meine Antwort formuliere, während der andere noch spricht. Oder anders gesagt: Ich warte nur auf meinen eigenen Redebeitrag.
„Achtung Säbelzahntiger!“, denke ich. „Du bist nicht zielführend. Du kannst nicht wissen, was jetzt gleich kommt. Wirksam führen funktioniert anders.“
Ich weiß es, und doch fällt es mir selbst nach vielen Jahren Übung nicht immer leicht, diesen kognitiven Reiz zu steuern. Und nein, es ist kein Charakterfehler. Es ist Neurobiologie.
Die Reiz-Reaktions-Falle
In meinen Executive Sparring+ Sessions, höre ich immer wieder von Top-Manager:innen, dass sie hohem Erwartungsdruck erliegen und schnell eine Antwort liefern müssen. Das Problem dabei: Wirksame Entscheidungen fallen nie unter Druck. Die Frage ist also, wer drängt uns eigentlich zu schnellen Antworten?
Stellen Sie sich vor: Ein Säbelzahntiger springt aus dem Gebüsch. Ihr Gehirn reagiert sofort. Keine Zeit zum Nachdenken. Die Amygdala übernimmt. Kampf oder Flucht.
Der Säbelzahntiger ist ausgestorben. Unser inneres Alarmsystem nicht.
Es springt uns immer noch gerne an. Bei kritischen Fragen im Meeting, bei unerwartetem Widerspruch. Bei plötzlicher Unsicherheit. Der Impuls ist derselbe: sofort reagieren. Die Steuerung darüber ist möglich, aber schwer.
Die Evolution hat uns Menschen einen hoch entwickelten präfrontalen Kortex gegeben. Er ermöglicht es, emotionale Impulse aus tieferliegenden Hirnarealen wie der Amygdala zu regulieren. Dadurch können wir innehalten, den ersten Impuls verzögern und bewusst entscheiden. Der präfrontale Kortex schafft Abstand zwischen Reiz und Reaktion.
Die Entscheidung schnell zu antworten, liegt also allein bei uns selbst. Doch wie kommt man nun raus aus der “Reiz-Reaktions-Falle”?
Trainieren Sie Ihr Gehirn für bessere Antworten
Viktor Frankl, Psychiater und Holocaust-Überlebender, wird das folgende Zitat zugeschrieben:
Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zu wählen.
Schnelle Antworten werden immer noch mit Kompetenz verwechselt. Und so geben viele den äußeren Umständen und dem inneren Impuls zur schnellen Reaktion nach und antworten übereilt. Obwohl sie eigentlich bessere Antworten finden könnten.
Umstände bestimmen nicht automatisch unser Verhalten. Es liegt letztendlich an uns selbst, dies bewusst zu steuern. Unser Gehirn ist ein Muskel. Wir können ihn trainieren, den Raum zwischen Reiz und Reaktion zu nutzen.
Und genau in diesem Raum entstehen wirksame Entscheidungen. Je mehr wir üben, und sei es nur durch bewusstes Schweigen, desto leichter können wir diesen Moment zwischen Reiz und Reaktion aushalten und den Raum für bessere Antworten öffnen.
Den Raum optimal nutzen: Systemisches Zuhören
Doch für was ist dieser Raum gut, der sich nun öffnet? Was machen Sie mit dieser gewonnen Zeit, in der Sie nun nicht mehr antworten?
Hören Sie zu – systemisch.
Das systemische Zuhören ermöglicht Ihnen, die Muster und Dynamiken Ihrer Organisation zu verstehen. Es geht nicht primär darum, was gesagt wird, sondern:
- WIE etwas gesagt wird (Emotion, Energie, Zögern)
- WARUM es in diesem Moment gesagt wird
- WANN es gesagt wird (Timing, Kontext)
- In welchem KONTEXT es eingebettet ist
Dieses klare Verständnis hilft Ihnen, anders als gewohnt zu reagieren und wirksamere Entscheidungen zu treffen.
Meine Erfahrung zeigt, dass diese Form des Zuhörens eines der wichtigsten Instrumente ist, um Organisationen zu verstehen und strategisch zu lenken. Daher halte ich mich in Meetings bewusst zurück. Anstatt selbst zu sprechen, beobachte ich auf der Metaebene und frage mich innerlich:
- Wer sagt hier gerade zu wem in welcher Art und Weise etwas? Und warum?
- Was muss gelöst werden, damit das gemeinsame Ziel wieder in den Fokus rückt?
- Was wird hier gerade nicht angesprochen, müsste aber dringend auf den Tisch?
Der schnellste Weg zum Ziel: Zeit nehmen
„Ich habe keine Zeit für systemisches Zuhören”, das höre ich oft von meinen Klienten. Meine Antwort: “Sie haben die Zeit, wenn Sie sie sich nehmen wollen.“
Systemisches Zuhören lässt sich nicht delegieren. Sie können Berater beauftragen, Umfragen durchführen lassen, Reports lesen. Aber nur, wenn Sie selbst hineinhören, verstehen Sie das unsichtbare Betriebssystem Ihrer Organisation. Ja, das ist zunächst aufwändig und anstrengend. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Wenn Sie Führung jedoch als Marathon und nicht als Sprint betrachten, dann ist systemisches Zuhören der schnellste Weg zum Ziel, denn:
- Es ist die beste Abkürzung, um end- und nutzlose Diskussionen zu vermeiden.
- Es ist der direkte Weg, Ihre Organisation ernsthaft zu verstehen und tiefgreifende Änderungen anzustoßen.
Es fasziniert mich immer wieder zu sehen, wie sich plötzlich Knoten lösen, die vorher unlösbar schienen. Wie Entscheidungen mit einem Mal umgesetzt werden können.
Manchmal braucht es dafür nur ein offenes Ohr und die richtigen Fragen. Manchmal einen Verstärker, um die Zwischentöne zu hören. Und manchmal jemanden, der mit Ihnen gemeinsam hinhört. Ein Sparring Partner kann Ihnen dabei helfen.
Sie möchten systemisches Zuhören in Ihrer Führungspraxis verankern?
Im Executive Sparring⁺ begleite ich Unternehmenslenker:innen dabei, ihre Organisation wirklich zu verstehen und wirksam zu führen.


